Achim Angepaßt

Achim gehört zur
Was-ich-nicht-weiß-macht-mich-nichtheiß-
Fraktion. Weil er die einschlägigen
Zeitungsmeldungen nicht ernst nimmt, sich
für Details nicht interessiert und
Datenschützer für paranoide Wichtigtuer
hält, weiß er nichts von den Veränderungen
in unserer Gesellschaft. Selbst das Abhören
seiner privaten Telephonate würde Achim
nicht stören, solange er nichts davon merkt.
Achim ist naiv. Außerdem ist er ein geübter
Selbstbetrüger, dem es ausschließlich
um ein bequemes Leben und den persönlichen Vorteil geht.

An jeder Supermarktkasse
hinterläßt er seinen kompletten
Datensatz, wenn man ihm dafür ein paar
läppische Rabattpunkte anbietet, die er bei
Gelegenheit gegen einen Satz Frotteehandtücher
oder eine Salatschüssel eintauschen
kann. Achims Portemonnaie wölbt
sich vor lauter Plastik: Payback- und
Kundenkarten von Drogerien, Tankstellen
und seinem Friseur. Achim kommt sich
schlau vor, er will von den vielen Angeboten
profitieren. Dabei übersieht er, daß der
Kapitalismus kein karitatives System ist,
weshalb alles, was man ihm abkaufen oder
abluchsen will, ein Vielfaches an Wert
besitzen muß. Kritisches Nachdenken ist
Achim zu anstrengend; was er nicht sehen
oder fühlen kann, interessiert ihn nicht.
Das Wirtschaftssystem hat ihn zu einem gehorsamen
Kunden erzogen, der auf Anfrage sofort jede beliebige Auskunft über sich
selbst erteilt.

Wann wird Achim ein Licht aufgehen?
Wenn er bei der Bank keinen Kleinkredit
erhält, weil er im falschen Stadtteil wohnt
und in den falschen Läden einkauft? Wird
er dann auf einmal die Wirtschaft, die
Politik und das Universum anklagen, weil
sie alle nichts Besseres zu tun haben, als
den »kleinen Mann von der Straße« auszubeuten?
Oder wird er auch dann
mißmutig schweigen und alles hinnehmen?
An das alltägliche Datensammeln hat sich
Achim dermaßen gewöhnt, daß ihm sämtliche
Maßnahmen des Staates, wenn er sie
einmal zur Kenntnis nähme, vergleichsweise
harmlos erscheinen würden. Außerdem
ist Achim hundertprozentig sicher, ein
so braver Mensch zu sein, daß er niemals
ins Fadenkreuz der Behörden geraten wird.
Das bißchen Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit
verbucht er unter »Kavaliersdelikte
«. Grundsätzlich ist er ein gehorsamer
Bürger.

Ein Konflikt mit den Autoritäten ist
für ihn undenkbar. Achim widerspricht
seinem Chef nicht und kuscht vor jedem
Polizisten. Er würde nicht einmal gegen
Unrecht protestieren, das zum Himmel
schreit. Achim besitzt kein Mitgefühl für
Menschen, die mit dem Staat aneinandergeraten.
Die sind alle irgendwie selbst
schuld, Ausländer, Drogenabhängige, jugendliche
Randalierer, politische Extremisten.
Kein Rauch ohne Feuer, und wo
gehobelt wird, da fallen Späne. Wenn
Achims Nachbar von der Polizei abgeholt
würde, stünde Achim am Fenster und
würde sich selbst einreden, daß der sympathische
und stets hilfsbereite Nachbar
schon irgend etwas Schlimmes angestellt haben wird:
Da schau mal einer an, was
hinter einer netten Fassade lauern kann!

Achim ist der vollendete Untertan. Er ist
das personifizierte Versprechen, der
Obrigkeit niemals aufzufallen.
Es gibt noch einen weiteren Grund, aus
dem es Achim nicht stört, wenn er am
Bahnhof von Videokameras gefilmt wird.
Wenn man ihm einredete, diese Kameras
seien mit dem Internet verbunden und die
Bilder weltweit abrufbar, würde er grinsend
und mit gerecktem Victory-Zeichen vor den
Kameras auf und ab tanzen und vielleicht
noch »Papa, can you hear me? Papa, can
you see me?« singen. Denn Achim findet
sich selbst hochinteressant und will sich der
Welt nicht vorenthalten. Er stellt Photos
von seinen Kindern ins Netz. Sein Hund hat
eine eigene Homepage. Achim hat User-
Profile bei Facebook, MySpace und YouTube.
Er spricht in Foren über seine
Seitensprünge und leistet Trauerarbeit, weil
ihn seine Frau verlassen hat. Auf der anderen
Seite liest sich Achim auch gern durch
die privaten Geschichten anderer Teilnehmer
und schaut sich die Urlaubsphotos
von Fremden an.

Vielleicht macht das Kommunikationszeitalter
einsam, doch gewiß
nicht aus Mangel an Bekannten – man sehe
sich Achims virtuelle Freundeslisten an.
Insgesamt bedeutet das Internet für
Achim die perfekte Synthese zwischen Exhibitionismus
und Voyeurismus. Er liebt es,
sich selbst zu veröffentlichen, weil es ihm
das wunderbare Gefühl gibt, tatsächlich
»da«zusein, relevant und vielleicht sogar
ein bißchen unsterblich. Die anderen veröffentlichten
Existenzen beweisen ihm, daß er
nicht allein ist. Wenn sich nun neben dem
Netz auch noch der Staat für Achim interessiert – warum nicht?
Er kann verstehen,
daß jemand seine Meinungen lesen
will.
Die sind auch wirklich
außergewöhnlich.

Auszug aus:
cover-freiheit-250schatten
zu Juli Zeh

Erich Fromm – Haben oder Sein

Erich Fromm – Haben oder Sein DTV 1490 – 1. Auflage Oktober 1979

Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen.

Diesem Vorschlag liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Mensch, gleichgültig, ob er arbeitet oder nicht, das bedingungslose Recht hat, nicht zu hungern und nicht obdachlos zu sein. Er soll nicht mehr erhalten, als zum Leben nötig ist – aber auch nicht weni*ger. Dieses Recht scheint uns heute eine neue Auffassung auszu*drücken, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine sehr alte Norm, die sowohl in der christlichen Lehre verankert ist als auch von vielen »primitiven« Stämmen praktiziert wird: daß der Mensch das uneingeschränkte Recht zu leben hat, ob er seine »Pflicht gegen*über der Gesellschaft« erfüllt oder nicht. Es ist ein Recht, das wir un*seren Haustieren, nicht aber unseren Mitmenschen zugestehen. Ich habe diesen Vorschlag bereits in >The Sane Society< (1955a) gemacht.

1965 wurde zum gleichen Thema ein Symposium veranstaltet (vgl. R. A. Theobald [Ed.], 1966; sowie E. Fromm, 1966c).

Durch ein solches Gesetz würde die persönliche Freiheit immens erweitert; kein Mensch, der von einem anderen wirtschaftlich abhän*gig ist (beispielsweise von den Eltern, dem Ehemann, dem Chef), wäre weiterhin gezwungen, sich aus Angst vor dem Verhungern er*pressen zu lassen. Begabte Menschen, die sich auf einen neuen Le*bensstil vorbereiten wollen, hätten dazu Gelegenheit, wenn sie be*reit sind, eine Zeitlang ein Leben in Armut auf sich zu nehmen. Die modernen Sozialstaaten haben diesen Grundsatz – beinahe – akzep*tiert, das heißt »nicht wirklich«. Die Betroffenen werden nach wie vor von einer Bürokratie »verwaltet«, kontrolliert und gedemütigt. Ein garantiertes Einkommen würde bedeuten, dass niemand einen »Bedürftigkeitsnachweis« zu erbringen braucht, um ein bescheide*nes Zimmer und ein Minimum an Nahrung zu erhalten. Es wäre da*her auch keine Bürokratie zur Verwaltung eines Wohlfahrtspro*gramms mit ihrer typischen Verschwendung und Missachtung der Menschenwürde vonnöten.

Das garantierte jährliche Mindesteinkommen bedeutet echte Frei*heit und Unabhängigkeit. Deshalb ist es für jedes auf Ausbeutung und Herrschaft basierende System, insbesondere die verschiedenen Formen von Diktatur, unannehmbar. Es ist charakteristisch für das sowjetische System, dass Vorschläge für die Einführung des Nulltarifs (beispielsweise im öffentlichen Verkehr oder für die Abgabe von Milch) stets schon im Keime erstickt wurden. Die kostenlose Kran*kenversorgung bildet eine Ausnahme, aber nur scheinbar, denn auch sie ist an eine Bedingung – das Kranksein – geknüpft.

Wenn man sich die Kosten vor Augen hält, die eine weit verzweigte Sozialhilfebürokratie heute verursacht, und dazu die Kosten der Be*handlung physischer, insbesondere psychosomatischer Krankheiten sowie der Bekämpfung der Kriminalität und der Drogenabhängig*keit rechnet, so ergibt sich vermutlich, dass die Kosten für jene Per*sonen, die ein jährliches Mindesteinkommen in Anspruch nehmen wollen, geringer wären als die Ausgaben für unsere gegenwärtige Wohlfahrt. Dieser Gedanke wird all jenen undurchführbar oder ge*fährlich erscheinen, die überzeugt sind, dass »Menschen von Natur aus faul« sind. Dieses Klischee hat jedoch keine faktischen Grundla*gen; es ist einfach ein Schlagwort, das zur Rationalisierung der Wei*gerung dient, auf das Bewusstsein der Macht über die Schwachen und Hilflosen zu verzichten.

gefunden bei:
http://www.i-bahmueller.de/fromm.htm