Erich Fromm – Haben oder Sein

Erich Fromm – Haben oder Sein DTV 1490 – 1. Auflage Oktober 1979

Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen.

Diesem Vorschlag liegt die Ăśberzeugung zugrunde, dass jeder Mensch, gleichgĂĽltig, ob er arbeitet oder nicht, das bedingungslose Recht hat, nicht zu hungern und nicht obdachlos zu sein. Er soll nicht mehr erhalten, als zum Leben nötig ist – aber auch nicht weni*ger. Dieses Recht scheint uns heute eine neue Auffassung auszu*drĂĽcken, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine sehr alte Norm, die sowohl in der christlichen Lehre verankert ist als auch von vielen »primitiven« Stämmen praktiziert wird: daĂź der Mensch das uneingeschränkte Recht zu leben hat, ob er seine »Pflicht gegen*ĂĽber der Gesellschaft« erfĂĽllt oder nicht. Es ist ein Recht, das wir un*seren Haustieren, nicht aber unseren Mitmenschen zugestehen. Ich habe diesen Vorschlag bereits in >The Sane Society< (1955a) gemacht.

1965 wurde zum gleichen Thema ein Symposium veranstaltet (vgl. R. A. Theobald [Ed.], 1966; sowie E. Fromm, 1966c).

Durch ein solches Gesetz wĂĽrde die persönliche Freiheit immens erweitert; kein Mensch, der von einem anderen wirtschaftlich abhän*gig ist (beispielsweise von den Eltern, dem Ehemann, dem Chef), wäre weiterhin gezwungen, sich aus Angst vor dem Verhungern er*pressen zu lassen. Begabte Menschen, die sich auf einen neuen Le*bensstil vorbereiten wollen, hätten dazu Gelegenheit, wenn sie be*reit sind, eine Zeitlang ein Leben in Armut auf sich zu nehmen. Die modernen Sozialstaaten haben diesen Grundsatz – beinahe – akzep*tiert, das heiĂźt »nicht wirklich«. Die Betroffenen werden nach wie vor von einer BĂĽrokratie »verwaltet«, kontrolliert und gedemĂĽtigt. Ein garantiertes Einkommen wĂĽrde bedeuten, dass niemand einen »BedĂĽrftigkeitsnachweis« zu erbringen braucht, um ein bescheide*nes Zimmer und ein Minimum an Nahrung zu erhalten. Es wäre da*her auch keine BĂĽrokratie zur Verwaltung eines Wohlfahrtspro*gramms mit ihrer typischen Verschwendung und Missachtung der MenschenwĂĽrde vonnöten.

Das garantierte jährliche Mindesteinkommen bedeutet echte Frei*heit und Unabhängigkeit. Deshalb ist es fĂĽr jedes auf Ausbeutung und Herrschaft basierende System, insbesondere die verschiedenen Formen von Diktatur, unannehmbar. Es ist charakteristisch fĂĽr das sowjetische System, dass Vorschläge fĂĽr die EinfĂĽhrung des Nulltarifs (beispielsweise im öffentlichen Verkehr oder fĂĽr die Abgabe von Milch) stets schon im Keime erstickt wurden. Die kostenlose Kran*kenversorgung bildet eine Ausnahme, aber nur scheinbar, denn auch sie ist an eine Bedingung – das Kranksein – geknĂĽpft.

Wenn man sich die Kosten vor Augen hält, die eine weit verzweigte Sozialhilfebürokratie heute verursacht, und dazu die Kosten der Be*handlung physischer, insbesondere psychosomatischer Krankheiten sowie der Bekämpfung der Kriminalität und der Drogenabhängig*keit rechnet, so ergibt sich vermutlich, dass die Kosten für jene Per*sonen, die ein jährliches Mindesteinkommen in Anspruch nehmen wollen, geringer wären als die Ausgaben für unsere gegenwärtige Wohlfahrt. Dieser Gedanke wird all jenen undurchführbar oder ge*fährlich erscheinen, die überzeugt sind, dass »Menschen von Natur aus faul« sind. Dieses Klischee hat jedoch keine faktischen Grundla*gen; es ist einfach ein Schlagwort, das zur Rationalisierung der Wei*gerung dient, auf das Bewusstsein der Macht über die Schwachen und Hilflosen zu verzichten.

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http://www.i-bahmueller.de/fromm.htm